Geschrieben am Donnerstag, 14.04.2011
Ich sitze gerade erschöpft vom Tag auf dem Bett und möchte euch berichten, was ich heute so erleben durfte. Und zwar, dank GROSSZÜGIGER Hilfe von vielen von EUCH. Ich danke hiermit allen herzlich, die für’s Unihockey-Strassenkinder-Projekt einen Beitrag geleistet haben, ich bin gerührt von eurer Unterstützung! Wie versprochen werde ich mich dransetzen und dir für die Anzahl der Trainings, die du gesponsert hast, ein Foto vom Training zusenden. Also: Habt vielen Dank – all die Freude in den Gesichtern der Kids ist für euch. :-)
6:52 Müde auf den Licht-Knopf des Weckers tippen… – AUTSCH, verschlafen!
Ich sollte schon auf dem Velo sein… Schnell die Sachen packen: Mappe, 50 Teller & Löffel, 80 Becher, Kamera und Pfeife, sowie die gestern gekauften 18 Mini-Tomaten und 3 Kabisköpfe, ich schlüpfe in die Sportkleider und meinen Trainer, damit sie heute den “Coachi” auch wiedererkennen. Moment mal – da fällt mir ein, dass ich nicht einmal weiss, ob wir (und wer?) den Schlüssel für’s Haus vom abwesenden Co-Cheftrainer haben, wo wir jeweils Kochen und Essen. Naja, mal schauen. Obwohl ich ihn die letzten 2 Tage nicht sah, wird er es schon irgendwie eingerichtet haben. Notgebet schon früh morgens! :-)
7:15 Müde und ein wenig gestresst radle ich ins Stadtzentrum und 5 Minuten weiter, daran vorbei, ins geschäftige Wohnviertel. Viiiele Menschen strömen hier aus ihren Häusern in die frische Morgenluft, zügig aber gelassen und immer für ‘nen Schwatz und Spruch zu haben; man würde meinen, die Arbeitslosigkeit sei hier überhaupt kein Problem. Die Frittierkuchen-Verkäuferinnen sitzen schon an der Moscheemauer, sie müssen wohl vor einigen Stunden im Morgengrauen schon mit Zubereiten begonnen haben! Oh, wir eigentlich auch :-) Weiter geht’s zum Haus des ersten Trainers. Oh, die Schwester lässt mir ausrichten, er schlafe noch, und geht mal klopfen.
7:55 Wir verlassen soeben das 3. Trainer-Haus, jetzt hab ich das Haupt-Trainer-Team zusammen. Schon der 2. von ihnen, Célio, hatte tatsächlich den Schlüssel bekommen. Macht Sinn, bei den anderen (..uns..) Schlafmützen… Wir gehen zurück zum ersten Haus, packen einen “Kochherd” und marschieren zum “Esshaus” :-) Auf dem Weg die letzten Besorgungen:
Ein Riesensack Kohle, “Rajah” (Currypulver), und noch etwas mehr Tomaten. Benzin verkaufen sie leider erst ab 17 Uhr, und Diesel empfehlen sie nicht, um Kohlenfeuer anzuzünden, sagen uns die Männer mit den Kanistern. Na dann, wir versuchen’s mit den vom Nachbars-Zaun abgebrochenen, trockenen, mannshohen Gräsern (Das war nicht ich!).
8:45 Inzwischen haben wir festgestellt, dass die 3 Zwölfliter-Wasserkanister leer sind – Ouch! Wir wissen nur, dass der Trainerkollege an diversen Orten Probleme hatte, Wasser zu kriegen – die Ursachen: Vertrieben; zum Zahlen aufgefordert worden; und am 3. Ort ist den Strassenkindern das Seil gerissen und der Kessel ins Wasserloch gefallen. Niemand kann ein neues Seil bezahlen, also bleibt es so. Die Trainer holen das Wasser im nächsten Trainerhaus, ca. 10 Minuten Fussmarsch entfernt, mit je 12kg auf dem Buckel.
Ich bin schonmal auf dem Weg zum Spielfeld und treffe da 3 Trainer und schon gut 20 Kids! Sie sitzen alle diszipliniert in einer Reihe und bekommen gerade je einen Schläger, aber als sie mich sahen, werden sie aufgeregt, die die mich kennen, wissen was das für heute bedeutet: Es geht also wirklich weiter! Ich erinnere mich an die Aussage eines scheuen und unsicheren, aber erfreuten Buben am 2. Spieltag: “Weisst du, viele gute Dinge kommen, und dann verschwinden sie wieder”.
9:30 Ich biege mit 25 weiteren Kids von meiner Mercado-Tour in Richtung Aeroclub, der grössten Spielhalle der Stadt, ein. Die Verkäuferinnen an den Gemüseständen und die Verkäufer in den Baracken kennen mich langsam – die Sprüche und die Verwirrung ist nicht mehr so gross, dafür wird auf “Einheimisch” mittlerweilen merklich mehr darüber geredet. Der Aeroclub kommt in Sichtweite. Einer fragt mich, ob er schon vorrennen darf; einige andere spurten schon selbständig durch den schnelleren Hintereingang. Als wir am Spielfeld ankommen, habe ich den Eindruck, dass sich die Kids mit Schlägern schon verdoppelt haben. Wir rufen sie zusammen, schreiben ihnen ein Herz als unser Zeichen auf den Unterarm, und erklären ihnen unsere zwei einzigen Regeln: 1. Höre gut auf die Trainer – und 2. – hier, hier ist ein
Ort des Friedens und der Liebe. Ich weiss, du kommst nicht aus einer solchen Welt, aber für heute Morgen lassen wir diese Welt einfach hinter uns. HIER kämpfen wir nicht und wir schnappen uns von niemandem einen Schläger oder Ball. Los geht’s! Für mich ein Chaos von Kids, Schlägern, Bällen; für sie die sooo selten erlebte Freiheit!
10:15 Der Trainer der Älteren Gruppe pfeift die simple Ballführungs-Übung ab – es ist Zeit für Spiele im Turniermodus! Bald hört man die Teams abwechslungsweise laut jubeln. Richtig emotionaler Freudentrubel. Und bei den Kleineren, da gilt heute: Hauptsache gespielt! Die Tore aus “Mecus” (relativ flache Jako-Töggelis für Slaloms etc.) lassen Interpretations-Spielraum; ich glaube mit der Zeit: “Wenn die Spieler jubeln, pfeift der Trainer wohl jeweils Goaal!“…. richtig so! ;-) Aus der Sportküche erreicht uns die Meldung, sie hätten jetzt nach erfolgreicher Wasser- und Feuermission endlich mit Kochen begonnen….wir dürfen uns also Zeit lassen mit spielen (Bohnen – rote Bohnen -kommen hier nicht aus der Dose, sondern sind getrocknet und kochen einige Stunden…).
12:00 Wir beenden das Spiel und Célio, der Cheftrainer, steht vor die Tribüne voller Jungs: “Wo habt ihr schonmal je sowas bekommen? Eine Einladung zum Spielen und danach noch ein Essen? Wer hat euch das schonmal gegeben? Niemand..? Aber WIR glauben, dass jedes eurer Leben so wertvoll ist, deshalb machen wir das. Das wichtigste, was ich hier bekommt, ist nicht das Essen. Sondern was wir euch geben, ist Liebe!”…..
Wir machen die Herzenskontrolle (auf dem Arm :-)), und ab geht’s zu unserem anderen “Lugar de Paz” (Ort des Friedens), wo Reis mit Bohnen auf uns wartet!
13.30 Die letzten Teller werden gefüllt (dank euch!!!) und an die letzten hungrigen Mäuler verteilt. Es ist wunderschön, die überraschten und glücklichen Gesichter zu sehen, wenn sie dann tatsächlich ihren versprochenen Teller, manchmal sogar einen zweiten, in den Händen halten. Es ist der Moment, wo der Frieden einkehrt. Wo jeder satt und zufrieden wird. Wo niemand mehr für seine Rechte kämpfen muss. Denn sie wissen genau: Hier sind wir einfach angenommen und geliebt. Hier gibt’s genug. Und..Bitte nehmt es mir nicht übel ;-), aber für mich ist es auch genau der Moment, in dem Gott die Gerechtigkeit einkehren lässt. Wo er diesen Menschen offenbart, was er für sie und uns alle bereithält. Es sind die berühmten und wunderbaren Versprechen der Bergpredigt, die hier für einen kurzen Moment schon auf der Erde wahr werden können: Heaven on Earth.

«Glücklich sind die Trauernden, denn sie werden Trost finden.
Glücklich sind die Friedfertigen, denn sie werden die ganze Erde besitzen.
Glücklich sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie sollen satt werden.
Glücklich sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.
Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen.
Glücklich sind, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine Kinder nennen.
Glücklich sind, die verfolgt werden, weil sie nach Gottes Willen leben. Denn ihnen gehört Gottes neue Welt.
Glücklich könnt ihr sein, wenn ihr verachtet, verfolgt und verleumdet werdet, weil ihr mir nachfolgt.
Ja, freut euch und jubelt, denn im Himmel werdet ihr dafür reich belohnt werden!»
Die Bibel, Matthäus 5, 4-12
Jaaa, 13:30, dieser Moment….auch er geht leider vorbei…
14:00 Die Kids verlassen unter riesigem Lärm unseren Ort des Friedens. Jeder Trainer bekommt am Ausgang 50 High-fives als Dankeschön für seinen Einsatz. Dies nach dem gemeinsamen Abschied und dem obligatorischen “Jetzt-wuscheln-wir-alle-zusammen-in-den-langen-und-blonden-Haaren-des-Weissen”! Ach, Kinder, Kinder….. ;-)
14:02 Und schon ist alles vorbei…..Auf jeden Fall mit den Kids! Jetzt kommt der
vergleichsweise seeehr ruhige Teil: Alle Trainer versammeln sich, um ein paar Worte
und Gedanken über den Morgen (und viiiiiieles anderes!) zu tauschen und um gemeinsam die letzte einsame Pfanne Reis mit Bohnen zu öffnen. So dürfen wir ebenfalls überaus beschenkt nach Hause gehen mit dem Lohn unserer Arbeit im Bauch und im Herzen – raus aus unserer alten, zusammenfallenden Essbude, diesem “Zuhause” dessen Trainers, der eigentlich selbst ein Strassenkind ist. Nur durch einen Bekannten kann er hier ein Zimmer im verwahrlosten Hinterteil einer Bar haben. Hier, wo Abend für Abend und speziell am Wochenende die Musik locker bis Morgens um 4 dröhnt, wo die billigen Gin-Sixpacks und Whisky in Plastikbeuteln geleert werden und wo die Prostituierten rein und raus gehen, hier, wo die Besoffenen und Liegengebliebenen am Morgen manchmal nie wieder erwachen.
Aber: Hier, wo einmal pro Woche erfüllte und veränderte Kinder mit einem Strahlen hinausstürmen.
Das war’s wert!
Danke für eure grosszügige Hilfe!

Geniesse hier noch ein paar weitere Bilder vom Strassenkinder-Projekt: